Wider die postfaktischen Zeiten – Ein Schwanengesang auf die Geisteswissenschaften

 

In Zeiten, in denen kruder Populismus, abstruse Verschwörungstheorien und diffuse Emotionen nicht nur in der dicken Luft über den mehrheitlich rauchfreien Stammtischen hängen, sondern sich unweigerlich ihren Weg in den breiteren gesellschaftspolitischen Diskurs bahnen, fragt man sich, was das geistige Rückgrat einer dem eigenen Anspruch nach aufgeklärten und mündigen Gesellschaft sein soll und wann Besonnenheit und Augenmaß zurückgefallen sind hinter die stupenden Flötentöne zeitgenössischer Rattenfänger, die mit einfachen Antworten nach Wählern angeln.

So einige Gespenster sind es mittlerweile, die dieser Tage umgehen; eines davon ist das Gespenst des akademischen Prekariats. Dabei handelt es sich jedoch leider nicht einfach um ein beklemmendes Schauermärchen in bildungsbürgerlichen Kinderzimmern, sondern für unzählige (Geistes-)Wissenschaftler um die bittere Realität. Wir lesen vom Philosophieprofessor, der, wenn er nicht unterrichtet, seinen Studierenden im Café den Chai Latte kredenzt; nicht etwa, weil er eine Möglichkeit sucht, seinen geheimen Barista-Fetisch auszuleben, sondern schlicht und einfach um seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können. Ebenso begegnen wir an den Universitäten einer ganzen Schar von Lehrbeauftragten, die wichtige aber unterbezahlte und gleichzeitig perspektivlose Arbeit leisten. Was Max Weber im Weltkriegsjahr 1917 bemängelt hat, ist der Gegenwart nicht weniger prekär; angehende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler brauchen einen langen Atem, ein gerüttelt Maß an Zuversicht und im Idealfall sind sie Töchter und Söhne vermögender Eltern. Doch ist diese Tatsache weniger Ursache als Symptom der Krise der Geisteswissenschaften. Und noch vor der allzu häufig beklagten und dennoch nicht weniger richtigen Einsicht, dass die Beschäftigungsverhältnisse in den Geisteswissenschaften grundlegend verbessert werden müssen, steht die Tatsache, dass der Wissenschaftszweig selbst wieder aufgewertet werden muss.

Groß ist die Debatte, wann immer Studien uns über Mängel in puncto der schulischen und universitären (Aus-)Bildung informieren; leiser ist der Aufschrei, wenn die Rahmenlehrpläne der Länder den Anteil des Geschichtsunterrichtes wieder einmal gesenkt haben, kaum noch hörbar ist der Protest, wenn die Politik hanebüchene Modalitäten der Vermittlung historischer Sachverhalte beschlossen hat. Bildung, das ist ein Gemeinplatz ist ein hohes Gut; nur wäre es – so der Tenor aus Politik und Wirtschaft – schon schön, wenn jede Disziplin einen monetären Mehrwert brächte und wenn sie das nicht tut, dann kann sie so wichtig nicht sein. Doch welche Wissenschaft heute einen Mehrwert hat, scheint mittlerweile ein Diktum allein des Marktes zu sein. Doch darf man sich fragen, ob der 16. Deutsche Bundestag mit seinen 143 Juristen seinerzeit nicht schon über genügend rechtswissenschaftliche Expertise verfügt hat; über ihre Repräsentation jedenfalls können die Rechtsanwälte der Republik – aufgepasst – nicht klagen.

Wer sich heute – zumal in den Geisteswissenschaften – für eine akademische Karriere entscheidet, wird nicht selten entweder als armer Tropf belächelt oder ihm wird der Wagemut eines frühneuzeitlichen Weltentdeckers attestiert. Gelegentlich suchen Personalchefs größerer Unternehmen und Absolventen aus wirtschaftsnahen Fächern wie Jura oder Betriebswirtschaftslehre altklug zu belehren, dass die Wahl des Studienfaches nicht ausschließlich den eigenen Interessen folgen darf und sich am Markt orientieren sollte; zumindest wenn der Lebenslauf sich stets und ständig weiter in den Himmel schrauben soll, wie seinerzeit auch der Börsenkurs der Lehman-Brothers. Der zynische Rat zur Fremdbestimmtheit bei der Wahl des Studienfaches ist grober Unfug. Wir sollten uns fragen, ob es nicht gerade in Zeiten, in denen höchste Regierungsvertreter sich über die Mentalität des „Postfaktischen“ beklagen, nicht angebracht wäre, stärker in Disziplinen zu investieren, die Populisten und ihre Parolen mit den besseren Argumenten dekonstruieren. Man sollte meinen, dass das Beispiel der Weimarer Republik, das als Schreckgespenst einer scheiternden Demokratie ab und an durch die derzeitige politische Berichterstattung spukt, zu mehr taugt, als zum Gegenstand der Geschichtsklausur in der Sekundarstufe Zwei. An dieser und an vielen anderen Stellen erweist sich die geisteswissenschaftliche Forschung als wichtiger Orientierungsrahmen. Interkulturalität und Interreligiösität sind nur zwei der Felder, die die im Politik-Talk oder vor der Leipziger Nikolaikirche abendländische Gemüter erhitzen. Da erscheint es Paradox, wenn der Geschichtsunterricht an den Schulen stetig weiter entprofessionalisiert und zugunsten eines teilweise diffusen Kompetenzerwerbes marginalisiert wird. Möglicherweise würde der ein oder andere gewesene Mr. Germany und selbsterklärter Reichsbürger nicht zur Waffe greifen, um gegen die BRD GmbH Deutschland in den Grenzen von 1937 zu verteidigen, hätte ihm ein profunder Geschichtsunterricht vermittelt, dass einige gute Gründe dagegensprechen. Außer es geht um Chemtrails; das müssen die Chemiker machen.

Unanwendbarkeit. Die Legende von der Unanwendbarkeit der Geisteswissenschaften hält sich dank der auf Bilanzen fokussierten Wirtschaftslogik mit einiger Renitenz; doch was steht am Ende einer Bilanz der gegenwärtigen Geisteswissenschaften? Allzu häufig scheint es, als müssten Geisteswissenschaftler den Wert ihrer Arbeit nicht nur erklären sondern ihre Forschungen geradezu rechtfertigen. Soll sich eine Gesellschaft anstatt an Philosophen an Volkswirtschaftler wenden, um eine Expertise zum Umgang mit passiver oder aktiver Sterbehilfe zu erhalten? Sollen Wirtschaftsinformatiker uns erklären, weshalb junge Männer und Frauen religiösem Extremismus folgen? An wen wendet sich die Gesellschaft, wenn ein konziser Blick auf die derzeitige Parteienlandschaft und das Erstarken populistischer Bauernfänger von Nöten ist? Sollen Ökotrophologen dafür herhalten uns zu erläutern, warum die europäische Integration eine der großen Leistung des 20. Jahrhunderts war und ist? Waren es theoretische Physiker, die uns verstehen gemacht haben, dass der Holocaust und seine industrialisierte Tötungsmaschinerie nicht nur Begleiterscheinung, sondern Nucleus des nationalsozialistischen Terrorregimes waren? Diese Polemik ließe sich ins nahezu Unendliche fortspinnen, die Essenz bliebe stets dieselbe: Gerade, wenn in „postfaktischen Zeiten“ die Stimme der Besonnenheit so rasch übertönt wird, von den lautstarken Parolen der politischen Extreme, gerade in so einer Zeit ist es richtig und wichtig sich die Geisteswissenschaften als das zu vergegenwärtigen, was sie sind, das Gewissen einer Gesellschaft.

Niemand ist ein besserer Mensch, weil er eine humanistische Bildung genossen hat und es muss die Frage erlaubt sein, wie zukunftsfähig die gegenwärtigen Geisteswissenschaften ausgerichtet sind; nicht, weil Zukunftsfähigkeit ein wichtiger Marktwert ist, sondern weil die Wissenschaft sich immer an der sie umgebenden Gesellschaft messen muss. Die Deutungsleistungen der Geisteswissenschaften dürfen nicht zum sterilen Selbstzweck degenerieren. Ihr Impetus und ihre Motivation muss sein, den Menschen in seiner Fähigkeit zu bestärken sich und den ihn umgebenden Kosmos so verstehen zu können, dass er sich in ihm und gelegentlich – da erst beginnt das Individuum – gegen ihn behaupten kann. Die Geisteswissenschaften bieten eine gesellschaftliche und kulturelle Orientierungsfunktion, ohne die eine mündige Gesellschaft nicht bestehen kann; dass ein Bedarf danach besteht, lässt sich schwerlich bestreiten. Es ist auch Ausdruck der Suche nach Orientierung, etwa wenn Brexit-Befürworter ihre Wahl als Protest, nicht als tatsächlichen Gestaltungswillen verstanden haben und am Ende selbst überrascht wurden, ihre Wahl schließlich bestätigt zu finden. Ebenso verhält es sich mit der aus der Ecke der Rechtspopulisten gerne bemühten Anprangerung der vermeintlichen „Lügenpresse“; der Vorwurf einer fremdgesteuerten, einzig der politischen Elite hörigen Berichterstattung zeugt von Orientierungslosigkeit innerhalb der Gesamtgesellschaft und dem Unvermögen, sich als Teil eines größeren Ganzen zu begreifen.

Die Schneide, auf der sich die Geisteswissenschaften dabei bewegen ist schmal. Die notwendigen Forschungsstrategien setzen methodisch klar konturierte und entsubjektivierte Analysemodelle voraus, um am Ende überprüfbare, intersubjektive Geltungsansprüche erheben zu können. Auf der anderen Seite darf der Erkenntnisprozess seinen heuristischen Zusammenhang mit der Gegenwartskultur nicht verlieren, um sich nicht stets und ständig legitimieren zu müssen; an dieser Stelle sind Universitäten wie Schulen gleichermaßen in der Pflicht, diesem Anspruch gerecht zu werden. Und ebenso wenig wie der Erinnerungsdiskurs die Perspektive der Zukunft aus den Augen verlieren darf, darf kritische Dekonstruktion sich nicht von der Vernunft als bestimmender Größe lösen. Noch dazu müssen sich die geisteswissenschaftlichen Fächer von traditionellen Ordnungen lösen; hier kommt es auf den Mittelbau an. Die seligen Ordinarien mit ihren Lebenszeitstellen können es sich schlicht erlauben humanistische Bildung als Selbstzweck zu begreifen. Doch wenn beispielsweise angehende Latinisten oder Gräzisten ihre Bedeutung damit zu erklären suchen, dass man durch Latein- oder Griechischkenntnisse Fremdworte besser verstehen kann, dann führt das nicht weit. Das Potenzial und der Wille zur Gestaltung, die im Mittelbau zweifelsfrei vorhanden sind, müssen auch dazu verwandt werden, sich und seinen gesellschaftspolitischen Mehrwert neu zu bestimmen und möglicherweise auch eigene PR-Strategien zu entwickeln. Heute reicht es schlicht nicht mehr aus, wenn sich die Geisteswissenschaften an ihre klassischen Rezipienten im sozialen Milieu des Bildungsbürgertums wenden. Um im Rahmen politischer und gesellschaftlicher Gestaltung und Sinngebung auch in größerem Maße teilzuhaben ist es wichtig auch den zum „postfaktischen“ und „emotionalisierten“ Diskurs neigenden gesellschaftlichen Gruppen eine Möglichkeit zur mündigen Reflexion zu schaffen.

Am Ende bleibt die Überzeugung: Eine facettenreiche und selbstbewusste geistes-wissenschaftliche Lehre ist eines der wesentlichen Fundamente auf denen wir unser Dasein als kritische, mündige und souveräne Bürger aufbauen können. Vielleicht können Biologen einen T-Rex klonen; der Geschichtswissenschaftler wird dann erklären, warum das unter Umständen keine so gute Idee ist.

 

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